Soviel Glück

Es stand in meinem Regal, ganz oben, unter der Decke, Staub auf dem Deckelrand und auf den von Punkten dicken Seiten. Der Zufall – die Suche nach einer vorlesbaren Kurzgeschichte – ließ es mich herausgreifen. Vor zehn Jahren hatte ich das Buch gekauft, auf eine Anregung meines Oberstufenlehrers hin. Interessant, politisch, ostdeutsch, so fand ich es damals. Nach der Lektüre einiger Texte hatte ich den Band weggestellt und nicht wieder angerührt. Und was finde ich da heute? Doppelbödige, verstörende Literatur. Sie kommt in schlichter Sprache, beinahe nachrichtengleich daher. Nach der Hälfte merkt der Leser, dass es hier Geschichte – historische wie persönliche – in der Geschichte gibt. Und am Ende bleibt man nachdenklich zurück, voller Fragen nach Gerechtigkeit, Lebenssinn und Selbstbestimmung. So ist es zum Beispiel, wenn Käthe am Ende von „Jelängerjelieber Vergißnichtmein“ – nach einem zerrütteten Elternhaus, nach unglücklicher eigener Ehe, nach dem Tod ihres Mannes und nach dem Verlust ihrer lebenslangen Affäre – sagt: „Soviel Glück, wie ich hatte, kann man nicht zweimal in seinem Leben haben.“ Christoph Heins kluge Geschichten sind keine leichte, aber eine lohnende Kost. Und sie zeigen mir, dass manche Bücher einige Jahre reifen müssen, bevor sie ihren vollen Geschmack entfalten können.

Wenn Sie, geneigter Leser, geneigte Leserin, mit einem Buch ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder Sie Ihre Meinung zu Christoph Hein kundtun möchten, dann hinterlassen Sie gern einen Kommentar.

Dreierlei Rauschen

Juist im Winter: Leere, Ruhe, Weite, Frische! Die bezaubernde Anna und ich waren am vergangenen Wochenende auf der ostfriesischen Insel. Was für ein Kontrast zu Frankfurt am Main. Dort hatte ich zuvor ein PR-Seminar besucht. Auto- und Straßenbahnlärm, Hochhäuser und Abgase wurden durch das Rauschen des Meeres, Dünenwanderwege und eine autofreie Insel abgelöst. Johanna hatte Recht, als sie in ihrem Blog schrieb: „Juist im Januar – einsamer geht es kaum! Wenn sogar die Einheimischen in Teilen die Insel verlassen, bleiben endlose unberührte Strände und ein einzigartiges Gefühl der Ruhe. Muss man machen: Alleine, singend, im Regen am Strand tanzen!“

Schon die Anreise war ein Spaß: mit dem Miniflieger von Norddeich auf die Insel. Acht Leute fanden Platz, eng an eng, direkt über meinem Kopf war das Dach. Gepäck in den Kofferraum, türen zu, Motoren an. Ich fühlte mich eher wie in einem Bus – einem Bus mit zwei sehr lauten Motoren. Abheben, das Schaukeln im Wind, das Kribbeln im Bauch beim Landen, herrlich. Noch herrlicher war der Bus-Service vom Flughafen Juist in die Friesenstraße im Ortskern. Kutschenbus ist das Stichwort. Gemütlich trabten wir die vier Kilometer zu unserer Pension. Und danach zwei Tage Spazieren, Essen, Schlafen – Energie Tanken.

Die Juister Kinder hatten zwei Wochen Winterferien. Viele Einheimische waren daher im Urlaub. Die meisten Restaurants und Geschäfte waren geschlossen. Wir trafen kaum einen Menschen auf den Straßen, Wanderwegen und am Strand. Die Sonne schien, die Luft zog salzhaltig und rein vom Nordmeer kommend in unsere Lungen. Es lag sogar ein bisschen Schnee, eine Seltenheit auf der Insel.

Am Sonntag stürmte es. Wie wundervoll war es, an diesem Tag am Strand zu sein. Es zog und drückte an der Kleidung. Dreierlei Rauschen hörte ich: das massive, dumpfe Dröhnen der Nordseewellen, das pausenlose, kräftige Wehen des Windes und schließlich das feine Zischen des Sandes, der um unsere Beine stob. Das sind Momente, die sind einfach und gerade deswegen so beeindruckend. Sie werden mir gewiss im Gedächtnis bleiben.

Auto kracht ins Louis-Braille-Center

Sachen gibt’s. Am vergangenen Wochenende ist ein Auto in das Louis-braille-Center des BSVH gekracht. Und gekracht hat es gewiss. Steinsockel, Glasfassade, ein komplettes Büro unserer Hilfsmittelberaterinnen und eine Innenwand wurden zerstört. Gut, dass keine Mitarbeiter im Haus waren. Der Schreibtischstuhl war durch den Aufprall fest in einen Schrank gerammt. Die blindengerechten Sonderausstattungen der PC’s sind teilweise nur noch verstaubter Schrott. Der Fahrer oder die Fahrerin hatte sogar noch die nerven, wieder auszuparken. Das Auto wurde gefunden. Die Polizei ermittelt. Unsere Hilfsmittelausstellung mussten wir vorerst schließen. Eine provisorische Bürolösung sollte aber bis zum 16. Februar stehen, so dass wir ab diesem Datum ratsuchende sehbehinderte und blinde Menschen wieder informieren können: über sprechende Uhren, Farberkennungsgeräte, Telefone mit großbeschrifteten Tasten u.v.m. Die Vernisage von Armelle Mag, die am 11. Februar sein sollte, muss leider verschoben werden. Für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heißt es, die nächsten Monate auf einer Baustelle zu arbeiten. Jou, wir schaffen das!

Ketten, die klingen

Wie nehme ich als blinder Mensch Schmuck wahr? Welche Ketten, Ringe und Armbänder mag ich An anderen? Womit ziere ich mich selbst? In einem Gastbeitrag für Jochen Schepps Schmuck-Blog habe ich darauf geantwortet. Jochen, vielen Dank für die Veröffentlichung! Sie, liebe Leserinnen und Leser, finden den Artikel hier.

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