Das war’s dann wohl

Das war’s dann wohl. Gestern war die Dernière von „Blindfische und Sehfische“. Sie war chaotisch, innovativ, angespannt und fröhlich. Sie brachte den größten Applaus. Gut, der Herr Stromberg-Autor und sein funkiger Bruder im Geiste sind in der Pause gegangen: „Wir sind entsetzt darüber, wofür Du Dich hergibst!“ Aber sonst war das Publikum gekommen, um sich zu amüsieren. Es lachte und beklatschte beinah jede Szene – ein schönes Gefühl. Danach feierten Schauspieler und Crew bei Pizza und Bier. Bei einigen Teilnehmern flossen Tränen. Andere planten bereits eine Blindfische-Tournee. Schauen wir mal, was die Zukunft in Sachen Theater so bringt. Ich bin jedenfalls froh über die Erfahrung der letzten Monate und über die Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Dem Karibu sei Dank

Manchmal ist das Abonnieren von Newslettern doch sinnvoll. Im Kampnagel-Verteiler lautete die Gewinnspiel-Frage, welches Tier

Sarah Palin dereinst erschossen hat. Wer googelt, der findet: „Karibu“ lautete die Antwort. Ich wurde ausgelost und war am

Donnerstag im Konzert von Micah P. Hinson. Die zauberhafte Anna und ich hatten

zuvor nichts von diesem Texaner gehört. In der Kampnagel-Ankündigung stand was von Country, Americana, Cohen, Cash und Waits. Der

Myspace-Einsteiger klang nach bestuhltem Songwriter-kuschel-und-besinne-Dich-Konzert. Und so schien es zunächst auch. Friedlich

klimperte die Gitarre dahin, im stile des späten Cash sang Hinson. Doch schon bald wurde klar, dass dies kein gewöhnliches Konzert

sein würde. Immer häufiger und zunehmend radikaler brachen Hinsons Band und sein Gesang die einlullende Beschaulichkeit

amerikanischer Folk-Musik. Das Schlagzeug hämmerte in punkigem Vier-Viertel-Takt, die Gitarre wurde zur quietschenden E-Gitarre,

Hinson thronte tief, düster und mächtig über dem Sound. Und doch war es wunderschön anzuhören. Hier wurde ein Stil nicht nur

zerlegt, sondern auf kluge Weise neu zusammengesetzt. Harmonien, Rhythmen und Klang spannten sich bis ins Unerträgliche, um sich im

genau richtigen Moment aufzulösen. Und wenn man dann dachte, jetzt geht es Easy-Going weiter, krachte es erst richtig. Eine im

wahrsten Wortsinn spannende Entdeckung dieser Micah P. Hinson. Ein CD-Kauf ist Pflicht.

Heut mal die Publikumsperspektive

Das Stehen auf der Bühne macht Lust auf Theater. So besuchten die zauberhafte Schauspiel-Kollegin und ich gestern das Altonaer Theater. Dort wird zurzeit „Herr Lehmann“ gespielt, auf der Grundlage des

Bestsellers von Element-of-Crime-Sänger Sven Regener. Dabei ist man eng an der Vorlage geblieben. Die Zentralen Szenen kommen im

Original-Wortlaut vor. Bei der wortwitzig-trockenen Vorlage ist das eine kluge Entscheidung, mit der man nichts falsch machen kann.

Die Musik aus den Lautsprechern (Element of Crime, Rio Reiser) ist geschmackvoll und sehr passend. Das Bühnenbild sollte ein

Zuschauer mit Augenlicht beurteilen. Die schauspielerische Leistung ist solide bis sehr gut. Nur Katrin, die schöne Köchin, bleibt

blass – und so recht will man nicht verstehen, warum sich der sympathische Herr Lehmann ausgerechnet in sie verliebt. Das Stück

wird noch bis zum 17. Oktober gegeben. Ich empfehle einen Besuch.